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Günter Wallraff

Ein Leben mit der zweiten Haut

Fesselnder Vortrag: Günter Wallraff

Wallraff plaudert in der Stadthalle

Detmold (te). Günter Wallraff ist nicht nur ein hartnäckiger Rechercheur, er kann auch ein unterhaltsamer Plauderer sein. So riefen die Formulierungen des Buchautors bei seiner Lesung und dem anschließenden Gespräch immer wieder Lacher in der sehr gut gefüllten Stadthalle hervor – auch wenn die Th emen ernst waren.


Wallraff schilderte nicht nur die direkten Vergleiche, die er zwischen Backfabrik und Handwerksbäckerei angestellt hat (die LZ berichtete). In einer Mappe trug er eher so eine Art Autobiographie mit sich und stellte an den Anfang die 35 Jahre alte Geschichte, wie er einmal mit zahlreichen Obdachlosen im Schlepptau einen Verlagsempfang in einem Nobelhotel besuchte. Er schloss Schilderungen über die Machenschaft en von Call-Centern an, um letztlich auf die Reportage aus der Backfabrik zu kommen.

Doch Wallraff erklärte auch die Auswirkungen seiner Methode, verdeckt zu recherchieren, die vom Bundesverfassungsgericht als zulässig eingestuft worden sei. „Irgendwann wächst einem die zweite Identität an. Dann träume ich sogar in ihr. Und es dauert eine Weile, bis man sie wieder los wird“. Das Publikum der von „Lippequalität“, dem „Buchhaus am Markt“, Radio Lippe und der LZ präsentierten Veranstaltung ließ sich von Wallraff und seinem entspannten Stil gern einnehmen und spendete lang anhaltenden Beifall.

Er rief Verbraucher zum Boykott von Firmen auf, die Arbeiterrechte missachteten und forderte, der Staat müsse auch auf Verdacht dort eingreifen können, wo die Würde des Menschen nicht geachtet werde. Damit Gewerkschaft er und Journalisten stärker an solchen Punkten tätig werden, will er eine Stift ung zur Unterstützung gründen.

Quelle: LIPPISCHE LANDES-ZEITUNG NR. 242, DONNERSTAG, 16. OKTOBER 2008 S.11

Hier backt Günter Wallraff

MiteinemPfeifenaufdenLippen: Günter Wallraff schiebt einBlech mit frischen Croissants ins Regal.

Lemgo (te). Er erschien morgens um vier, aber gar nicht so, wie es normalerweise seine Art ist: Günter Wallraff, üblicherweise verdeckt arbeitender Journalist, stand gestern einmal mehr in einer Backstube. Diesmal aber ganz offiziell, ohne Tarnung und auf Einladung des Vereins „Lippequalität“.

In einer Lemgoer Bäckerei sollte Wallraff kennenlernen, wie mit regionalen Produkten in einem Handwerksbetrieb gearbeitet wird – als Gegenentwurf zur „Brötchenhölle“, wie er seine jüngsten Erlebnisse in einer Brotfabrik genannt hat. Der 66-Jährige packte mit an und war hinterher voll des Lobes.

Alfred Meffert junior, gemeinsam mit seinem Bruder Jörg Chef der 90 Mitarbeiter, war sichtlich erleichtert. Ganz wohl war ihm nicht gewesen, als er den Journalisten, der sich als Gesellschaftsdurchleuchter versteht, in seinen Betrieb ließ. „Er ist ja bekannt dafür, dass er den Fehler sucht.“ Aber dann gab es ein Lob für den Bäcker auf Zeit. „Er hat sich gut gemacht.“

Quelle: Lippische Landes-Zeitung Nr. 241, Mittwoch, 15. Oktober 2008 S.10

Heller Teig, dunkler Teig

Drei Mann an einem Teig: Bäckergeselle Michael Ross, Günter Wallraff und Alfred Meff ert junior (von links).

Ein Lob des Handwerks: Mit Günter Wallraff in der Lemgoer Backstube Meffert

Lemgo / Detmold (te). Diesmal braucht er keine Perücke, keinen falschen Namen. Hier in Lemgo bei der Bäckerei Meffert kann Günter Wallraff Günter Wallraff sein. Diesmal arbeitet der Journalist nicht im Verborgenen, sondern sichtbar. Mit Spaß. „Ein Unterschied wie Tag und Nacht“, sagt er und knetet weiter den Teig.


Um 4 Uhr gestern Morgen ist Wallraff in die Bäckerkleidung geschlüpft . Als er zwei Stunden später vom Arbeitstisch aufblickt und den Hell-Dunkel-Vergleich in die Runde ruft , hat er aber ganz anderes im Sinn als die Erleichterung, hier keine Entdeckung fürchten zu müssen. Es geht ihm vielmehr um den Gegensatz zu dem, was er zuletzt in einer Backfabrik, die für einen Großdicounter produziert, erlebt hat. Vier Wochen in einer Hunsrücker Großbäckerei waren für ihn dunkelstes Moll. Die Handwerksbäckerei lobt er hingegen in Dur.

Was Wallraff , seit mehr als 30 Jahren undercover in der Arbeitswelt unterwegs, im Ort Stromberg erlebt hat, beschrieb er als „Brötchenhölle“ im „Zeit- Magazin“. Dr. Bernd Nagel-Held vom Verein „Lippequalität“ hat den Rechercheur daraufh in zu einem Besuch in Lippe eingeladen. Hier gebe es Beispiele, die zeigten, dass es auch anders gehe. Jörg Meffert-Schauf und Alfred Meffert junior waren bereit, ihn in die Backstube zu lassen.

Da steht der 66-Jährige nun und rollt jetzt Vollkorn-Croissants. Eine ganze Latte von Vergleichen fallen ihm ein. „Hier duft et es, bei uns“ –ja das sagt er wirklich – „bei uns hat es nur gestunken. Bei uns waren wir Sklaven einer maroden Fließbandanlage, hier regiert die Maschine nicht den Menschen. Hier spricht man normal, bei uns wurde nur gebrüllt.“ Chaos, schlechte Zahlungsmoral, miese hygienische Bedingungen hat Wallraff dem für Lidl tätigen Unternehmen Weinzheimer vorgeworfen, „frühkapitalistische Zustände“, nennt er das.

Die Firma weist das als „krause Mischung aus angeblichen Fakten und unzulässigen Verallgemeinerungen“ zurück. Die Vorwürfe seien unzutreff end, die Standards würden eingehalten. Inzwischen hat das Unternehmen nach eigenen Angaben mit der Gewerkschaft Gespräche zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen aufgenommen und zahle über Tarif.

In Günter Wallraff s Augen ist vieles schwarz in der Arbeitswelt und wenig weiß. „Ich arbeite täglich im Negativen. Da war es für mich ein Bedürfnis, auch mal eine andere Welt zu erleben“, erklärt er, warum er nun in der Lemgoer Backstube sich die Nacht um die Ohren schlägt. Ein regionales Vermarktungskonzept wie es „Lippequalität“ umsetze, sei so ein Beispiel für eine andere Welt und zeige ein Umdenken, das gerade vor dem Hintergrund des derzeitigen Weltwirtschaft sschocks erforderlich sei. Die Vertreter dieser Wirtschaft müssten weg von „Geiz ist geil“ und der maßlosen Gier, sagt er in einer Arbeitspause und beißt in ein „Studentenbrötchen“, selbst geknetet.

Letztlich tue sich auch der Verbraucher mit schmalem Geldbeutel keinen Gefallen, wenn er immer nur auf den billigsten Preis schiele. Er habe Macht und könne sie nutzen. Alfred Meff ert junior, gemeinsam mit seinem Bruder Jörg Chef der 90 Mitarbeiter, schaut erleichtert. Ganz wohl war ihm nicht, als er den Journalisten, der sich als gesellschaft licher Durchleuchter versteht, in seinen Betrieb ließ. „Er ist ja bekannt dafür, dass er den Fehler sucht.“ Aber jetzt gibt es ein Lob für den Bäcker auf Zeit. „Er hat sich gut gemacht.“ Günter Wallraff schaut auf die Uhr und stellt sich wieder an den Arbeitstisch. „Hier vergeht die Zeit schnell, bei Weinzheimer verging sie überhaupt nicht. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.“

Quelle: Lippische Landes-Zeitung Nr. 241, Mittwoch, 15. Oktober 2008 S.9

Des Brötchens bessere Hälfte

Die Fotos zeigen Günter Wallraff in der Backstube der Bäckerei Meffert. Mit im Bild Bäckereichef Alfred Meffert jun.
Die Fotos zeigen Günter Wallraff in der Backstube der Bäckerei Meffert. Mit im Bild Bäckereichef Alfred Meffert jun.
Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zeigt Wallraff im Gespräch mit Moderator Matthias Lehmann.

Günter Wallraff mit neuen Back-Erfahrungen in Lippe

Detmold/Lemgo. Günter Wallraff, Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist, war gestern erneut im Einsatz. Nach seinem schockierenden Bericht über eine Backfabrik im Hunsrück, stand der 66jährige auf Einladung des Vereins „Lippequalität“ erneut an Knetmaschine und Backofen.


Das Fazit, das er am Abend in der mit 400 Gästen gut gefüllten Detmolder Stadthalle zog, war eindeutig: Eine Handwerksbäckerei biete nicht nur bessere Arbeitsbedingungen als die meisten Backfabriken, sie lieferten für die Verbraucher in der Regel auch die besseren Qualitäten. „Den Unterschied schmeckt man.“ Der Konsument sei den Billig-Discountern keineswegs ausgeliefert, erläuterte Wallraff. „Mit der Kaufentscheidung an der Brottheke und anderswo, übt der Verbraucher Marktmacht aus. Diese Marktmacht sollte er wieder ganz bewusst für regional erzeugte Produkte einsetzen.“

Der Journalist berichtete wahre Horrorgeschichten von seiner einmonatigen Tätigkeit in der Backfabrik Weinzheimer im Hunsrück. Dort hatte er sich unerkannt als Niedriglöhner um Arbeit bemüht und produzierte Aufbackbrötchen für die Discounter-Kette Lidl – zehn Stück für 1,05 Euro. Wallraff erfuhr am eigenen Leib, wie Mitarbeiter unter höchstem Druck schufteten. Verletzungen und Verbrennungen am Arbeitsplatz waren an der Tagesordnung, Abmahnungen und willkürliche Entlassungen ebenso. Um die Produktion nicht zu unterbrechen, wurde nur oberflächlich gereinigt – ein Paradies für Schimmelpilze. Die Qualität der Brötchen sei so gering gewesen, dass die meisten Mitarbeiter die ihnen zustehende Gratistüte lieber liegen ließen als mitzunehmen.

Seine Erfahrungen veröffentlichte Wallraff im Frühjahr im ZEITmagazin. „Das war für uns Anlass, ihn nach Lippe einzuladen“, berichtet Dr. Bernd Nagel-Held, stellvertretender Vorsitzender von Lippequalität. „Wir wollten ihm zeigen, dass es auch anders geht.“ Denn Lippequalität setzt als Verein für Regionalvermarktung auf überschaubare, regionale Produktionsketten. „Die Verbraucher sollen wissen, wo das Getreide für ihr Brot stand, wo die Bienen den Honig gesammelt, oder die Saftkeltereien ihr Obst gekauft haben.“

Wallraff nahm die Einladung nach Lippe gerne an und stand gestern Morgen um 3 Uhr in der Backstube der Bäckerei Meffert, ein Lippequalität-Betrieb in Lemgo. „Mein erster Eindruck war: Hier duftet es ja, bei Weinzheimer hat es gestunken.“ Die Arbeit in dem Handwerksbetrieb, der 14 Bäcker beschäftigt, sei abwechselungsreich, die Arbeitszeit vergehe schnell: Wallraff knetet Teig, „bestückt“ die Brötchen mit Körnern, und bringt den Blätterteig in Croissant-Form. Besonders beeindruckt ihn, „dass der Chef hier noch selbst in der Backstube mit anpackt.“ Und eben dieser Chef, Alfred Meffert jun., war mit seinem Praktikanten auch zufrieden: „Herr Wallraff war gleich voll bei der Sache und hat toll mitgearbeitet.“

„Wir müssen die Abhängigkeit von den Großkonzernen verringern. Regionalität ist da eine gute Antwort“, erläuterte der Journalist abends in der Detmolder Stadthalle seine Back-Erfahrungen. „Wir müssen auch wieder bewusster genießen. Dann erkennen wir minderwertige Qualitäten.“ Wallraff forderte, schon in den Schulen Kinder und Jugendliche für dieses Thema zu sensibilisieren.

Den Einwand, ärmere Menschen seien froh, wenn sie zehn Aufbackbrötchen für nur 1,05 Euro im Discounter erhielten, ließ Wallraff nur eingeschränkt gelten. „In den großen Märkten kaufen viele Menschen, die das aus materiellen Gründen eigentlich nicht müssen. Die finden Geiz einfach geil.“ Außerdem müsse man die Energiekosten beim Aufbacken ebenfalls berechnen. Dann kosteten zehn schlechte Brötchen ähnlich viel wie ein Kilo gutes Brot. Wallraffs Quintessenz: „Wir müssen umdenken, wir brauchen mehr Verbraucherbewusstsein, wir müssen registrieren, dass schlechte Arbeitsbedingungen fast immer schlechte Qualitäten bringen und dass Massenproduktion schon wegen der langen Transportwege schlecht für die Umwelt ist. Wir müssen endlich wieder unsere ureigensten Interessen beim Einkauf wahren.“

Schöne neue Arbeitswelt

„Schöne neue Arbeitswelt: Brandblasen an Armen und Händen, der ständige Kampf gegen den Schimmel und ein Chef, der seine Arbeiter wie Sklaven behandelt.“
So beginnt Günter Wallraffs Reportage im ZEITmagazin Anfang Mai. Das Thema: Die eigentlich unfassbare Wirklichkeit einer Backfabrik mitten in Deutschland.

Zwei Beispiele: Der Notaus-Knopf einer Bandanlage wird auch dann nicht betätigt, wenn sich Backbleche auf ihr verkeilen und die Arbeiter trotz Verletzungsgefahr ins laufende Band greifen. Den Knopf „dürfen wir nur im alleräußersten Notfall betätigen, wissen die Kollegen. Denn wird er gedrückt, dann bleiben die Brötchen zu lange im Ofen, werden zu dunkel und sind nicht mehr verwendbar.“

Die Brötchentüten „sind nicht mit Luft, sondern mit Kohlendioxid prall gefüllt, sodass ich diesem Gas … schutzlos ausgesetzt bin. Schon nach kürzester Zeit verursacht diese Arbeit Kopfschmerzen. Die Augen brennen, die Kehle trocknet aus. Ich bin benommen, sehne mich nach Frischluft, aber die gibt es hier nicht.

Wallraff erlebte einen Monat lang die Auswüchse einer Billigproduktion für den Discounter Lidl – 10 Brötchen für 1,05 Euro. Geiz ist geil!? Und nicht nur die Arbeitsbedingungen waren miserabel, auch die Produkte überzeugten nicht: Die Arbeiter selbst verzichten in der Regel auf die ihnen zustehende Gratis-Brötchentüte nach Schichtende.

Warum berichten wir Ihnen von dieser Reportage? Weil Günter Wallraff in der Nacht vom 13. auf den 14 Oktober das Gegenbeispiel kennen lernen wird. Er backt bei unserem Mitgliedsunternehmen Meffert in Lemgo. Dort gibt es zwar keine zehn Brötchen für 1,05 Euro, dafür aber auch keinen Schimmel in der Backstube. Regionale Handwerksqualität statt bundesweit vertriebener Massenware. Das zahlt sich aus, für Mitarbeiter, Kunden und letztlich den Betrieb selbst.

Darüber wird Wallraff In einer gemeinsamen Veranstaltung von Lippequalität, Landeszeitung, Radio Lippe und dem Detmolder Buchhaus am Markt berichten. Wir erwarten am Dienstag, 14. Oktober, 19.30 Uhr, in der Stadthalle Detmold, einespannende Diskussion mit Deutschlands bekanntestem Enthüllungsjournalisten über die Qualität von Lebensmitteln und (in)humane Arbeitsbedingungen. Noch sind Karten im Vorverkauf zu haben: für 10 Euro in den LZ-Geschäftsstellen und im Buchhaus am Markt. An der Abendkasse kosten sie 14 Euro.

Günter Wallraff „backt’s an“

Schaut hinter lippische Bäckereitüren: der Enthüllungsjournalist

Der Buchautor und Journalist spricht auf Einladung von "Lippequalität" in Detmold.

Detmold (te). Die Werbezettel sind schwarz und tragen ein großes Fragezeichen: „Was macht Günter Wallraff in Lippe?“ Der bekannte Journalist und Buchautor hat in Lippe einiges vor, wenn er am Dienstag, 14. Oktober, an den Teuto kommt. Zum Beispiel backen.

Einer von Wallraff s Bestsellern ist „Ganz unten“. Für das Buch schlüpft e der Journalist in die Rolle des türkischen Gastarbeiters Ali. Zuletzt machte Wallraff mit einer Undercover-Reportage aus der „Brötchenhölle“ über die Verhältnisse in einer Backfabrik, die für die Supermarktkette Lidl arbeitet, Schlagzeilen. Die Reportage las Dr. Bernd Nagel-Held, stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Lippequalität“. Bei ihm keimte der Gedanke, Wallraff zu zeigen, dass es so nicht sein muss. Er stellte den Kontakt her, und der Kölner war gern bereit, eine andere Art des Wirtschaft ens in Lippe kennen zu lernen.

So wird er nun in einer mittelständischen Bäckerei aus Reihen der „Lippequalität“- Bäckergruppe mit anpacken. Abends dann spricht er in der Detmolder Stadthalle vor Publikum mit Radio-Lippe-Redakteur Matthias Lehmann über seine Eindrücke aus der Handwerksbäckerei und über die Erfahrungen in der Backfabrik. Der Talk beginnt um 19.30 Uhr. Karten sind in allen LZ-Geschäft sstellen und im „Buchhaus am Markt“ in Detmold erhältlich. Außerdem auch über die LZ-Karten- Hotline:          (0 18 05) 00 62 85          (14 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz).

Quelle: Lipische Landeszeitung Nr. 232 Freitag/Samstag 03/04.10.2008 S.9

Wallraffs lippische Brötchen

"Undercover" zwischen Backfabrik und Handwerksbäcker

Detmold. Im Frühjahr schlug Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist erneut zu. Günter Wallraff schmuggelte sich unerkannt in eine Backfabrik im Hunsrück. Was er dort als Billigjobber erlebte, verdarb ihm den Appetit aufs Frühstücksbrötchen. Der Verein Lippequalität will Wallraff zeigen, dass es auch anders geht und hat ihn nach Lippe eingeladen – zum Backen und zum Berichten.

Im „ZEITmagazin“ veröffentlichte Wallraff seine Reportage über die Zustände in einer Fabrik, die Aufbackbrötchen ausschließlich für den Discounter Lidl herstellt. Zuvor hatte er dort einen Monat lang den harten und gefährlichen Arbeitsalltag kennengelernt. Nettostundenlöhne von unter sechs Euro, Brandverletzungen, weggemobbte Betriebsräte, unbezahlte Arbeitsstunden, Abmahnungen am laufenden Band, Schimmel, unfertiger Ciabatta-Teig und schließlich Brötchen, die selbst die Mitarbeiter nicht anrühren. Hauptsache billig – zehn Stück für 1,05 Euro im Lidl.

In Lippe soll Wallraff nun gegenteilige Erfahrungen machen. Er wird für einen Tag in einer Handwerksbäckerei arbeiten, die dem Verein Lippequalität angeschlossen ist. Hans Pohl, ehemaliger lippischer Landrat und Vorsitzender von Lippequalität, erläutert: „Wir unterwerfen uns nicht dem Diktat der Billig-Anbieter sondern bauen nachhaltige regionale Wertschöpfungsketten auf: Getreide von lippischen Feldern, in den Mühlen der Region gemahlen und in Handwerksbäckereien vor Ort gebacken. Damit garantieren wir für die Verbraucher hochwertige Lebensmittel und erhalten qualifizierte Arbeitsplätze vor Ort.“

Günter Wallraff berichtet von seinen Erfahrungen mit guten und mit schlechten Brötchen am Dienstag, 14. Oktober, in der Detmolder Stadthalle. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr. Karten sind im Vorverkauf für zehn Euro im Buchhaus am Markt erhältlich und für 14 Euro an der Abendkasse. Im Foyer der Stadthalle werden außerdem Lippequalität-Betriebe ihre Produkte zum Probieren anbieten.

Günter Wallraff ist Journalist und Buchautor. Bekannt machten ihn seine verdeckten Recherchen als „Hans Esser“. In dieser Rolle schmuggelte er sich in die Bild-Redaktion ein und berichtete von den zweifelhaften Methoden der Blattmacher. Aufsehen erregte er auch als „Ali“ in seiner Reportage „Ganz unten“ über das Schicksal von Leiharbeitern in Deutschland.

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Die Chance vor der Tür

VON THORSTEN ENGELHARDT

Günter Wallraff bereitet ein neues Buch vor. „Schöne neue Arbeitswelt“ soll es heißen. Für Wallraff ist klar: In den deutschen Unternehmen liegt vieles im Argen. Je nach politischer Auffassung wird man diese Kritik teilen oder nicht. Bitteschön.

Wallraff's Reportagen zeigen aber viele Dimensionen auf.

Unter anderem auch die, dass wir Verbraucher uns von den Produkten, die wir kaufen, weit entfernt haben.

Wir vertrauen stattdessen darauf, dass es Kontrollen, Aufsichtsbehörden, festgelegte Standards gibt. Rein qualitativ sind wir dabei auf der sicheren Seite. Das eine Brötchen ist nicht schlechter als das andere, nur weil es aus einer Großbäckerei kommt, um ein Beispiel zu nennen. Doch der eine Betrieb, sein Chef, seine Mitarbeiter sind sichtbar, greifb ar, regional. Der andere ist anonym, weit weg, global.

Natürlich ist es unsinnig, die Realitäten zu verkennen. Die Grundversorgung liefern heute die Lebensmitteldiscounter. Ja, für manchen lässt das Portemonnaie gar nichts anderes zu, als dort einzukaufen. Aber gerade vor dem Hintergrund globaler Krisen wenden sich immer mehr Menschen den Produkten ihrer Region zu. Hier liegt eine Chance. Sie muss genutzt werden.

Schreiben Sie dem Autor:
TEngelhardt(at)lz-online.de

Quelle: Lippische Landes-Zeitung Nr. 241, Mittwoch, 15. Oktober 2008 S.10

Wallraff bei Meffert

Mehr zu Günter Wallraff bei der Lippeualität-Bäckerei Meffert in Lemgo: hier.

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